13.000 Tonnen Pestizide

"NÖ muss handeln" – Grüne wollen Spritzmittel-Datenbank

Nur bei etwa 0,6 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe wird der Einsatz von Pestiziden kontrolliert. Bei jedem vierten Betrieb gab es Verstöße.
Aram Ghadimi
17.02.2025, 06:00
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Weit über 13.000 Tonnen Pestizide werden jedes Jahr in Österreich ausgebracht. Das geht aus dem Pestizidatlas der Umweltschutzorganisation Global 2000 aus dem Jahr 2022 hervor. Zwar gibt es Regeln, die zum Beispiel die Art der Anwendung und Anwendungszeiträume festlegen, doch eine zentrale Erfassung in einer Spritzmittel-Datenbank fehlt bisher.

Zuletzt kritisierte das auch der Rechnungshof in einem Bericht. Darin empfiehlt die Behörde eine bundesweite Pestizid-Anwendungsdatenbank.

Während andere Bundesländer bereits diesbezügliche Maßnahmen setzen, bleibe Niederösterreich untätig, kritisieren die Grünen Niederösterreich in einer Presseaussendung. Die Grüne Klubobfrau Helga Krismer sagt darin: "Es kann nicht sein, dass wir nicht wissen, wo und in welchem Ausmaß Pestizide in Hinblick auf Umwelt und Gesundheit eingesetzt werden. Das ist ein massives Versäumnis der Landesregierung!"

„Niederösterreich muss handeln - Umwelt und Gesundheit stehen auf dem Spiel!“
Helga KrismerGrüne Klubobfrau NÖ

Insgesamt dürften weit über 200 verschiedene Pestizide in Österreich zum Einsatz kommen. Neben den aktuell zugelassenen Stoffen werden aber auch bereits verbotene Stoffe über den Umweg von sogenannten Notfallzulassungen in Österreich ausgebracht.

Oft kommt es beim Einsatz von Spritzmitteln zu Verwehungen.
Thomas Ruffer / Caro / picturedesk.com

Dazu schreibt der Rechnungshof in seinem Bericht: "Die Anzahl der Notfallzulassungen stieg in den vergangenen Jahren stark an: Wurden im Jahr2014 noch 29Pflanzenschutzmittel per Notall in Österreich zugelassen, waren es in den Jahren 2017 bis 2021 bereits durchschnittlich 51Pflanzenschutzmittel jährlich."

Das Frappierende daran: Die in Verkehr gebrachten Mengen an Wirkstoffen, würden laut Rechnungshof, keinen Rückschluss darüber zulassen, welche Mengen an Pestiziden tatsächlich zum Einsatz kamen. Eine"Heute"-Recherche zeigt, dass viele der hochgefährlichen Chemikalien auch im Internet verfügbar sind. Über verbotene Altbestände in den Kellern und Scheunen landwirtschaftlicher Betriebe kann nur gemutmaßt werden. Vorratskäufe vor jeweiligen Behördenverboten dürften aber keine Seltenheit sein. Der Rechnungshof stellt fest:

"Aus der vorhandenen Datenlage war allerdings erkennbar, dass in Österreich Wirkstoffe zum Einsatz kamen, bei denen Gesundheitsbedenken bestätigt waren, und dass diese Wirkstoffe steigende Einsatzmengen im überprüften Zeitraum verzeichneten."

Niederösterreichs Grüne fordern daher "eine transparente Erfassung des Pestizideinsatzes in Niederösterreich" und stellten am 13. Februar eine diesbezügliche Anfrage an den zuständigen Landeshauptfrau-Stv. Stephan Pernkopf (ÖVP). Auch der ORF wollte von Pernkopf wissen, warum es hierzu noch keine Maßnahmen gegeben habe. So eine Datenbank, entgegnete Pernkopf, führe nur zu "mehr Bürokratie, mehr Misstrauen" und bringe "keine zusätzliche Umweltqualität". Die Beantwortung der Anfrage steht derzeit noch aus.

Fest steht aber, dass schon ab 2026 eine EU-weite Pflicht zur digitalen Aufzeichnung besteht, die 2028 zu einer umfassenden Berichtspflicht an EU-Behörden wird. Bis 2030 soll die Pestizidmenge EU-weit um 50 Prozent reduziert werden. Dabei wird die digitale Aufzeichnung ab 2026 und eine umfassendere Berichtspflicht ab 2028 EU-weit verpflichtend.

Wie drängend dieses Thema ist, zeigt sich in Deutschland, wo sogar die Niedersächsische Landwirtschaftskammer auf ihrer Webseite schreibt:

"In einer Vielzahl von Studien konnte der Zusammenhang zwischen Pestiziden aller Substanzgruppen und der Entstehung einer Parkinson-Erkrankung gezeigt werden."

Und weiter: "Dabei wurde ein deutlich erhöhtes Risiko bis hin zur Risikoverdopplung für ein pestizidbedingtes Parkinson-Syndrom erreicht oder überschritten." Hierzulande scheint man diese wissenschaftlichen Erkenntnisse wenig erst zu nehmen.

Allergien und eine Vielzahl anderer Erkrankungen stehen in Verdacht durch Pestizide ausgelöst oder verstärkt zu werden. Parkinson ist in Deutschland mittlerweile als bäuerliche Berufskrankheit anerkannt, rund zwanzig Jahre nachdem Italien und Frankreich das schon getan haben. Seit März 2024 können sich deutsche Bauern dafür sogar entschädigen lassen.

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Aus dem Rechnungshof-Bericht geht hervor, dass in Österreich nur etwa 0,6 Prozent der Betriebe überhaupt kontrolliert wurden. "Oft nur durch Schreibtischkontrollen", fügen dem die Grünen in ihrer Presseaussendung hinzu.

Ein Blick in den Bericht zeigt außerdem: Im Jahr 2020 wurden 455 von 106.670 Betrieben in ganz Österreich kontrolliert. Bei 185 von ihnen wurden Verstöße festgestellt. Von 2017 bis 2021 verstießen hierzulande 25 Prozent aller kontrollierten Betriebe gegen Pestizid-Auflagen.

Besonders besorgniserregend für die Grünen sind: "Neue Erkenntnisse zu Pestiziden mit Trifluoracetat-Rückständen (TFA) im Trinkwasser und die weiterhin unzureichende Kontrolle von Glyphosat-Anwendungen." Helga Krismer sagt: "Die Grünen fordern volle Transparenz und Information beim Einsatz von Pestiziden in unserem Bundesland. Niederösterreich muss handeln - Umwelt und Gesundheit stehen auf dem Spiel!"

{title && {title} } agh, {title && {title} } 17.02.2025, 06:00
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