Normalerweise gehen die Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule im Alter von 20 bis 25 Jahren in ihre wohlverdiente Pension – doch der 22-jährige Conversano Bonavoja denkt noch nicht daran. Er war bei der vergangenen Tournee in Großbritannien dabei und beherrscht auch eine der anspruchsvollsten Lektionen – die Levade. Dabei erhebt sich das Pferd mit seinem gesamten Gewicht auf seine Hinterbeine und zieht die Vorderbeine an seinen Körper an.
Dass der Hengst noch immer topfit ist, resultiert aus artgerechtem Training und entsprechender Pflege. Die Verantwortung für die Gesundheit der edlen Lipizzaner liegt bei Sophia Sommerauer. Sie versorgt die knapp 120 Hengste der Spanischen Hofreitschule. Einen wesentlichen Beitrag leistet aber auch Andy Petric. Der Fachtierarzt für Chiropraktik behandelt seit vergangenem Jahr die Vierbeiner und sorgt dafür, dass sie gesund und agil bleiben.
Vor rund 20 Jahren hat sich der Tierarzt auf Chiropraktik bei Pferden spezialisiert. Die Technik wird bei vielen Gesundheitsproblemen eingesetzt. So können etwa Rückenprobleme, akute Bewegungsstörungen oder Lahmheiten behandelt werden. Als Chiropraktiker behandelt Petric vor allem Blockaden des Bewegungsapparates. "Besonders bei Wirbelsäule, Kiefer- und Iliosakralgelenk – also bei der Verbindung zwischen Rumpf und Beckengürtel – können Probleme entstehen", erklärt der 51-Jährige.
Mit sogenannten "Adjustments" löst der Fachmann Verspannungen der Muskeln und Gelenken. Weder Instrumente noch Medikamente oder Spritzen kommen in der Chiropraktik zum Einsatz, bloß die Hände. In regelmäßigen Abständen, ungefähr alle drei Monate, kommt Petric zur Hofreitschule und checkt dabei immer 20 bis 30 Lipizzaner komplett durch.
Zunächst lockert der Chiropraktiker die Gelenke und Muskeln des Patienten und überprüft die Beweglichkeit des gesamten Pferdekörpers. Durch spezielle Griffe ertastet er anschließend, wo Verspannungen oder Schmerzen liegen. Bei Conversano Bonavoja sind es diesmal Kiefergelenk, Halswirbel, Lendenwirbelsäule und Kreuzdarmbein-Gelenk. "Er springt die Levade und dabei hat er gerade im Lendwirbelbereich die meiste Belastung", erklärt Petric.
Zunächst bewegt der Fachmann das Kiefergelenk des Hengstes und lockert es auf, ebenso die Lendenwirbelsäule. Mit einer schnellen Bewegung greift er nach der Zunge des Pferdes, um das Zungenbein zu entspannen. Auch die Beine kontrolliert Petric, indem er die Gelenke durchbewegt und schaut, ob Einschränkungen vorhanden sind. Blockaden löst der Chiropraktiker mit "Adjustments". Dabei legt er die Hände möglichst nahe am betroffenen Gelenk an und mit einem schnellen kurzen Ruck in eine spezifische Richtung wird der Muskel wieder entspannt.
Conversano Bonavoja lässt die Behandlung entspannt über sich ergehen. Er kennt den Ablauf bereits. "Dass die Pferde kurzzeitig irritiert sind, ist normal. Aber direkt nach dem 'Adjustment' lässt der Muskelschmerz durch die Lockerung nach, und die Pferde entspannen sich", erklärt Petric.
Nach der Behandlung durch den Chiropraktiker gehen es die Hengste zwei bis drei Tage lang etwas ruhiger an. Leichte Bewegungen auf der Schrittmaschine und Ausritte in den Burggarten stehen auf dem Plan. Danach kann wieder mit dem Training begonnen werden. Dabei sollte man gezielt die Übungen ausführen, die dem Pferd zuvor Schmerzen bereitet haben. "Denn die Pferde haben ein Schmerzgedächtnis und sie müssen wieder merken, dass die Bewegungen nicht mehr weh tun", erklärt der Experte.