Experte klärt auf

Was passiert, wenn die USA die Ukraine hängen lassen?

Für Russland-Kenner Alexander Dubowy ist klar: Ein Rückzug der USA wäre für die Ukraine dramatisch. Er erklärt, wie realistisch dieses Szenario ist.
20 Minuten
01.03.2025, 20:59

Nach dem Abbruch des Treffens zwischen Donald Trump und Wolodimir Selenski sind die Beziehungen zwischen Washington und Kiew auf einem neuen Tiefpunkt. Trump hatte Selenski m Oval Office vor laufenden Kameras massiv kritisiert und ihm vorgeworfen, den Dritten Weltkrieg zu provozieren. Der Osteuropa-Experte Alexander Dubowy erklärt im Interview, was der Eklat bedeutet – für die Ukraine und für Europa.

Herr Dubowy, sind die Chancen auf einen Frieden nun komplett verspielt?

Ich würde die Frage anders stellen: Gab es überhaupt jemals eine reale Chance auf Frieden und unter welchen Umständen? Die Ukraine ist durchaus kompromiss- und gesprächsbereit, fordert jedoch robuste Sicherheitsgarantien. Bei einer Friedenslösung müsste ein erneuter Angriff auf die Ukraine für Russland mit enormen Kosten verbunden sein. An den Forderungen Russlands hat sich seit dem 24. Februar 2022 hingegen nichts geändert: Der Kreml will die politische Kontrolle über die ganze Ukraine, etwa in Form einer pro-russischen Regierung.

Die Unterstützung der USA ist für die Ukraine enorm wichtig. Hat Selenski einen taktischen Fehler gemacht?

Selenski hatte eigentlich keine wirklich guten Optionen. Er hätte übermäßig dankbar auftreten oder einfach schweigen können. Aber wie hätte das ausgesehen? Er hätte sein Gesicht verloren und würde in den Augen der Weltöffentlichkeit noch schlechter dastehen. Während Selenski um das Überleben seines Landes kämpft, war die Situation im Oval Office für Trump offensichtlich eine Show, um sich vor seinen Anhängern als starker Mann zu inszenieren.

Alexander Dubowy ist Politikanalyst und forscht zu Osteuropa, Russland und der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten.
20 Minuten; privat

Gibt es für Selenski noch eine Möglichkeit, die Beziehung zu Trump zu retten?

Selenski selbst kann das nicht: Sein Verhältnis zu Trump ist seit 2019 problematisch, als er sich weigerte, Trumps Aufforderung zu folgen, Ermittlungen gegen Hunter Biden aufzunehmen. Im Hintergrund laufen jedoch vermutlich Telefonate zwischen Trump, den Europäern und der NATO, um zu vermitteln. Macron als Zauberwaffe der EU könnte dabei eine Schlüsselrolle spielen, da er Trump in der Vergangenheit bereits geschickt um den Finger gewickelt hat. Trumps Politik ist stark durch Emotionen gesteuert: Mal nennt er Selenski einen Diktator, kurz darauf will er das bereits wieder vergessen haben.

Trump schreibt auf Truth Social, Selenski könne wiederkommen, wenn er für Frieden bereit sei. Was heißt das konkret?

Das ist ein klares Ultimatum. Es deutet darauf hin, dass die USA nicht mehr bereit sind, die Ukraine zu unterstützen, wenn Selenski nicht Trumps Bedingungen akzeptiert. Es zeigt aber auch, dass Trump das Problem fundamental missversteht: Für ihn ist es ein regionaler Konflikt mit zwei gleichberechtigten Seiten. Was er nicht sieht: Für Putin wäre ein Waffenstillstand lediglich eine Gelegenheit, sich neu zu formieren und den Krieg gegen die Ukraine fortzusetzen.

Alexander Dubowy ist Experte für internationale Politik- und Sicherheitsfragen mit Schwerpunkt auf Osteuropa, Russland und den GUS-Raum. Er verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung in Forschung, Beratung und Policy-Analyse. Geboren in Semipalatinsk (heute Semei, Kasachstan), wuchs er in Estland und Österreich auf. Der promovierte Jurist studierte in Wien und Moskau und war an renommierten Universitäten und Institutionen wie der Universität Wien, MGIMO und der Landesverteidigungsakademie Wien tätig.

Was passiert, wenn die USA die Ukraine wirklich hängen lassen und wie realistisch ist das?

Die Wahrscheinlichkeit, dass die USA ihre Unterstützung für die Ukraine zurückfahren oder gar einstellen, ist höher als je zuvor. Trump hat sich innenpolitisch in eine prekäre Lage hineinmanövriert und muss gegenüber seinen Anhängern Versprechen einlösen. Daher glaube ich nicht, dass Trump nochmals umschwenkt. Für die Ukraine wäre das dramatisch: Sie könnte die aktuelle Verteidigungslinie zwar noch etwa sechs Monate halten, doch die Munition für das entscheidende "Patriot"-Luftabwehrsystem dürfte in ein paar Monaten ausgehen. Diese stammt ausschließlich aus den USA und kann von den Europäern nicht ersetzt werden. Die Ukraine stünde dann vor der furchtbaren Entscheidung, ob sie mit ihrer Luftabwehr die Städte, und somit die Bevölkerung, oder ihre Militärstützpunkte schützen will.

Was muss Europa nun machen?

Europa muss endlich eine Grundsatzentscheidung zur Unterstützung der Ukraine treffen. Bisher gab es viele rhetorische Bekenntnisse, aber keine echten Taten. Die EU-Länder müssten massiv in die Rüstung investieren, was erhebliche gesellschaftliche Folgen hätte, etwa bei den Sozialausgaben. Besonders in Deutschland wäre das für die Gesellschaft eine Zerreißprobe. Eine vollwertige Unterstützung der Ukraine ohne die USA ist für Europa zwar nicht unmöglich, aber schwierig. Sollten sich die USA komplett dagegenstellen, indem sie sich weigern, den Europäern Waffen zu verkaufen, wäre eine Unterstützung der Ukraine so gut wie unmöglich. Dann würde Putin den Krieg so lange fortführen, bis er sein Ziel einer pro-russischen Regierung in der Ukraine erreicht hat.

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