Bei Angriff jüdischer Siedler

Oscarpreisträger von israelischen Soldaten verprügelt

Für "No other Land" erhielt Hamdan Ballal (36) einen Oscar. Bei neuen Dreharbeiten im Westjordanland wurde er von Siedlern und Soldaten attackiert.
Nick Wolfinger
25.03.2025, 22:27

Der Dokumentarfilm "No other Land" zeigt die gewaltsame Vertreibung von Palästinensern im Westjordanland. Für den ungeschönten Einblick in die Lebensrealität der Araber, die unter der von der israelischen Armee geduldeten und teilweise sogar unterstützten Siedlergewalt leiden, erhielt der Film auch viel Kritik. Bei einem Angriff jüdischer Siedler auf ein palästinensisches Dorf wurde der arabische Co-Regisseur des Films, Hamdan Ballal (36), nun selbst zur Zielscheibe.

Was ist passiert?

Eine Gruppe von zehn bis 20 maskierten Siedlern drang Montagabend in das palästinensische Dorf Sussija im Gebiet von Massafer Jatta südlich der Stadt Hebron ein, kurz nachdem die Bewohner das tägliche Fasten im muslimischen heiligen Monat Ramadan gebrochen hatten. Bereits zuvor hätten Siedler ihr Vieh auf palästinensisches Land geführt, was zu Streit – und schließlich zu diesem Angriff geführt hatte, berichtet die israelische Tageszeitung "Haaretz" in ihrer Online-Ausgabe.

Die Siedler attackierten das Dorf mit Steinen, beschädigten Fahrzeuge, Wassertanks und stahlen Überwachungskameras. Die Palästinenser verteidigten sich ebenfalls mit Steinwürfen. Israelische Soldaten hätten zunächst tatenlos zugesehen, schilderten Mitglieder des Filmteams.

Crew-Mitglied Basel Adra zeigt Schäden an einem der Fahrzeuge des Filmteams nach dem Angriff der Siedler
REUTERS

Armee sah zunächst tatenlos zu

Ballal war durch einen Stein am Kopf getroffen worden, blutete schwer und rannte zu seinem Haus, wo er von israelischen Soldaten eingeholt wurde. Ballals Frau habe gehört, wie ihr Mann vor dem Haus geschlagen wurde und schrie: "Ich sterbe." Als Ballals Crew-Kollege Basel Adra (28) bei Ballals Haus ankam, habe er gesehen, wie er und eine weitere Person abgeführt worden seien. Das Blut des Oscar-Gewinners sei immer noch auf dem Boden vor seiner eigenen Haustür verspritzt. Einige Details von Adras Bericht wurden von einem anderen Augenzeugen bestätigt, der aus Angst anonym bleiben wollte.

Insgesamt drei Personen des Filmteams wurden von Israels Militär mitgenommen. Mit Handschellen und verbundenen Augen hätten sie auf einem Militärstützpunkt die ganze Nacht bei eisigen Temperaturen im Freien verbringen müssen. Laut Ballals Angaben wurde er von Soldaten geschlagen, einer habe zwei Warnschüsse in die Luft abgefeuert, um ihn einzuschüchtern.

Filmteam festgenommen

Das israelische Militär teilte nach dem Vorfall mit, es habe drei Palästinenser festgenommen, weil diese verdächtigt würden, Steine auf Soldaten geworfen zu haben, sowie einen israelischen Zivilisten, der an einer "gewaltsamen Konfrontation" zwischen Israelis und Palästinensern beteiligt gewesen sei – eine Behauptung, die von der AP befragte Zeugen bestritten. Das Militär teilte mit, es habe die drei Palästinenser zur Befragung an die Polizei übergeben und einen israelischen Bürger aus dem Gebiet evakuiert, um ihn medizinisch behandeln zu lassen.

Auf X teilt der israelische Journalist und Co-Regisseur Yuval Abraham (30) ein Video der angeblichen Attacke. Ballal soll durch die Attacke Verletzungen am Kopf und im Unterleib erlitten haben.

Blutergüsse am ganzen Körper

Am Dienstag wurde er aus der Haft wieder entlassen. Hamdan Ballal und zwei weitere Palästinenser verließen eine Polizeistation in der Siedlung Kiryat Arba im Westjordanland, wo sie festgehalten wurden. Ballal hatte Blutergüsse im Gesicht und Blutflecken an der Kleidung, wie "The Guardian" berichtet. Die drei hatten die Nacht auf dem Boden eines Militärstützpunkts verbracht und dabei an den schweren Verletzungen gelitten, so Ballals Anwältin Lea Tsemel.

Hamdan Ballal gewann mit israelischem Journalisten einen Oscar

Anfang des Monats war Hamdan Ballal noch in Los Angeles, wo er einen Oscar für seinen Dokumentarfilm "No Other Land" gewonnen hat. Die Macher beschrieben das Projekt als "unwahrscheinliches Bündnis". Im Film schließen sich ein palästinensischer Aktivist und ein israelischer Journalist zusammen, um zu zeigen, wie ein Dorf im Westjordanland mit dem andauernden Konflikt lebt.

"Wir sind von der Oscar-Verleihung zurückgekommen, und seitdem werden wir jeden Tag angegriffen", sagte Adra. "Das könnte ihre Rache an uns sein, weil wir den Film gemacht haben. Es fühlt sich wie eine Bestrafung an", sagte er der AP.

"Gewaltloser Aufruf zu mehr Gerechtigkeit"

Ballal beschrieb die Dokumentation als "gewaltlosen Aufruf zu mehr Gerechtigkeit und Gleichheit". In Deutschland löste der Film eine Polemik aus, in der Schweiz zeigte das jüdische Filmfestival Yesh! die Geschichte.

Eine Petition von Filmschaffenden weltweit forderte nach Bekanntwerden des Vorfalls bereits die Freilassung von Hamdan Ballal. "Eine solche Behandlung eines international anerkannten Filmemachers untergräbt die künstlerische Freiheit, die Menschenrechte und die Meinungsfreiheit – zentrale Werte, die für demokratische Gesellschaften unerlässlich sind", schreiben die Filmschaffenden in einem Statement bei Change.org.

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