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Mailand ohne Autos: Städter sind City-Maut-Fans

Heute Redaktion
14.09.2021, 02:18

Von der flinken Vespa bis zum schnittigen Ferrari - die Italiener lieben ihre Gefährte. Doch ausgerechnet in der zweitgrößten Stadt des Landes zeichnet sich eine Revolution im Stadtverkehr ab: Die Einwohner Mailands lassen ihre Benzinschlucker stehen und fahren mit den Öffis. Der Grund: 5 Euro City-Maut. Trotzdem ist eine Mehrheit Fan der Gebühr. Ein Vorbild für Wien?

Auch in Wien gibt es zu Stoßzeiten oft Staus innerhalb der Stadtgrenzen. Londoner und Stockholmer machen vor, wie man Autos aus der City bekommt. Mailand hat im Jänner 2012 für die Befahrung der Innenstadt eine Gebühr eingeführt. Seitdem sind ein Drittel weniger Autos unterwegs.

Probleme meist bei älteren Autofahrern

Ähnlich wie in London müssen auch in Mailand Fahrer jedes Mal, wenn sie in die "Area C" fahren, 5 Euro blechen. "Ein Auto zu haben, ist kein Statussymbol mehr so wie früher", sagt der Mailänder Bürgermeister Giuliano Pisapia. "Die jungen Leute haben das bereitwillig angenommen, auch wenn es für älteren Generationen wie meine oder die meiner Eltern schwieriger ist", sagt der 65-Jährige.

Rund ein Drittel weniger Autos

Seit der Einführung von Area C ist die Zahl der Autos in der Innenstadt von täglich rund 130.000 auf 90.000 gesunken. Gleichzeitig stieg die Zahl der Nutzer von Car-sharing-Diensten auf mehr als 180.000. "Mir erzählen immer mehr Leute, "Wir brauchen kein Auto"", sagt Damiano Di Simine von der Umweltschutz-Organisation Legambiente. "Mailand de-motorisiert sich selbst."

Vor Einführung 80 %, aktuell rund 60 % für City-Maut

Fast 80 Prozent der Mailänder sprachen sich in einem Referendum 2011 für die City-Maut aus. Laut Bürgermeister Pisapia, der erst seit drei Jahren im Amt ist, hätten sich auch anfängliche Skeptiker wie er selbst mit der Maut angefreundet. "Die schrecklichen Staus, die man an den Tagen sieht, an denen Area C nicht gilt, haben überzeugt. Ich bin ziemlich sicher, dass keine Regierung nach mir sie abschaffen würde." Laut einer Umfrage vom vergangenen Jahr unterstützen 58,5 Prozent der Einwohner die Area C.

Italiener kaufen mehr Fahrräder als Autos

Diese Entwicklung merkt man auch in der Wirtschaft: Italien erlebt die tiefste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Zahl der Autoverkäufe ging seit 2007 um die Hälfte zurück und wurde sogar vom Absatz bei Fahrrädern überholt.

Mehr Staus außerhalb der Area C

Die Area C ist aber nicht die Lösung aller Probleme. Kritiker meinen, die Zone müsse deutlich erweitert werden, um die Luftverschmutzung zu beseitigen. So sind gerade die an Area C angrenzende Straßen chronisch verstopft - ausgerechnet dort liegen viele Schulen. Die Autoabgase seien ein Risiko für die Gesundheit der Schüler, sagt Anna Gerometta von der Elterninitiative Genitori Antismog.

City-Maut brachte schon 30 Millionen Euro

Mit den knapp 30 Millionen Euro, die sie bis Ende 2013 in die Stadtkassen gespült hat, entpuppt sich die City-Maut zwar als Segen für Mailand, dennoch hält Pisapia einen Ausbau aufgrund logistischer Probleme nur langfristig für möglich. In der Zwischenzeit würden weitere Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung greifen, sagt er - etwa die Einführung weiterer Fußgängerzonen, einer Absenkung des Tempolimits und noch mehr Verkehrsmittel zum Teilen, E-Bikes beispielsweise.

Mailand hat vier Metrolinien, an einer fünften wird gebaut. Das mag im internationalen Vergleich nicht viel erscheinen, in Italien aber hat die Stadt diesbezüglich die Nase vorn. In Rom oder Neapel etwa fehlt den Beförderungsunternehmen das Geld, um die Lohn- und Spritkosten für den öffentlichen Verkehr abzudecken.

Helsinki will Autos überflüssig machen

Mit seinen Bestrebungen geht Mailand einen ähnlichen Weg wie Helsinki. Finnlands Hauptstadt will bis 2025 ihr Netz aus öffentlichen und gemeinschaftlich genutzten Verkehrsmitteln so effizient gestalten, dass es für die Einwohner keinen mehr Grund gibt, eigene Autos zu besitzen. Dies sei die Zukunft, sagt Pisapia. Für Italien wäre dieses Ziel wohl schwierig. "Aber in Mailand ist eine starke Reduzierung des privaten Autoverkehrs nicht nur möglich, sondern auch wahrscheinlich."

In diesen Städten Europas kostet Autofahen in der City - bitte umblättern

Einige europäische Großstädte lassen sich wie Mailand die Autofahrt in ihre Zentren bezahlen und kassieren eine Maut:

BERGEN: Als erste Stadt Europas lässt das westnorwegische Bergen von 1986 an seine Autofahrer zahlen. Mit dem Einfahrtsticket für die Innenstadt von umgerechnet drei Euro soll der Straßenbau mitfinanziert werden.

OSLO: Die norwegische Hauptstadt führte 1990 eine Straßenmaut ein. Auch hier sind die Einnahmen von umgerechnet rund 3,70 Euro pro Fahrt in die Innenstadt für den Straßenbau bestimmt.

LONDON: Wer von Montag bis Freitag zwischen 7.00 Uhr und 18.30 Uhr ins Zentrum der Themse-Metropole will, muss seit 2003 die sogenannte Staugebühr London Congestion Charge zahlen.

STOCKHOLM: Nach einer längeren Erprobungsphase und einem heftigen kommunalpolitischen Streit wird seit 2007 in der schwedischen Hauptstadt eine City-Maut kassiert - von Fahrern in Autos mit schwedischen Kennzeichen. Nach Stockholmer Vorbild führte 2013 auch Schwedens zweitgrößte Stadt Göteborg eine "Stausteuer" ein.

ROM: Im historischen Zentrum der "ewigen Stadt" gilt von Montag bis Freitag ein komplettes Fahrverbot für Privatleute. Nur Taxis, Busse, Lieferanten und Besitzer einer Einfahrgenehmigung (für 360 Euro im Jahr) dürfen in diese Zona traffico limitato (begrenzte Verkehrszone) hinein.

APA/red.

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