Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski soll laut einem auf Social Media verbreiteten Video (hier archiviert) am 22. Dezember 2024 für 14,2 Millionen Euro das Kehlsteinhaus in den Berchtesgadener Alpen (Deutschland) gekauft haben, das als Adolf Hitlers "Teehaus" gekannt war. Dies über seine Firma San Tommaso SRL.
Die im Video aufgestellte Behauptung ist falsch. Das Kehlsteinhaus wurde nicht verkauft. Es ist nach wie vor im Besitz des Staatsbetriebs Immobilien Freistaat Bayern (IMBY). Der angebliche Kaufvertrag, der im Video zu sehen ist, ist gefälscht. Auch das angebliche Zitat des IMBY-Geschäftsführers ist frei erfunden. Zudem erhält der Beitrag inhaltliche Fehler zum Kehlsteinhaus. Das Fake-Video und der Weg in die sozialen Medien weist Merkmale des russischen Desinformationsnetzwerks Storm-1516 auf.
Richtig ist einzig, dass die Firma San Tommaso SRL im Besitz der Familie Selenski ist, wie unter anderem die NZZ belegte. Dies schon seit Jahren, konkret seit vor dem Konflikt und vor Selenskis Präsidentschaft.
Laut dem Video soll das Kehlsteinhaus letztes Jahr den Besitzer gewechselt haben: Konkret soll es am 22. Dezember 2024 "insbesondere nach der finanziellen Krise der Jahre 2020 und 2021" an eine italienische Firma verkauft worden sein, die Selenski gehöre. Diese Behauptung kursiert seit rund zwei Wochen in den sozialen Medien. Geteilt wird sie zusammen mit einem Video, von dem unklar ist, von wem es stammt. Einen Hinweis auf den Urheber oder die Urheberin gibt es – anders als bei News-Beiträgen – nicht. Ein Sender-Logo fehlt.
Auch der Aufbau entspricht nicht dem von nachrichtlichen Beiträgen. Statt wie üblich mit der wichtigsten News – der Kernaussage – zu beginnen, startet der Clip mit einem historischen Abriss.
Der Eindruck, dass das Video von keinem seriösen Absender stammt, wird von inhaltlichen Fehlern verstärkt: So ist im Clip nicht von Wolodimir Selenski die Rede, sondern die deutsche Stimme spricht von einem "Wladimir Selenski" (Minute 1:45) – in den englischen Untertiteln geschrieben steht jedoch "Volodymyr Zelensky". Das könnte auf einen russischen Ursprung hindeuten. Denn im Russischen wird der Name des ukrainischen Präsidenten Влади́мир (Wladimir) geschrieben. Im Ukrainischen schreibt man ihn dagegen Володимир (Wolodimir).
Weiter heißt es in dem Clip, das Kehlsteinhaus "wurde 1938 vollendet und Adolf Hitler zu seinem 50. Geburtstag geschenkt." Doch nur der erste Teil des Satzes ist korrekt. Der zweite Teil ist falsch: "Entgegen weit verbreiteter Annahmen war das Kehlsteinhaus [... ] kein Geschenk zu Hitlers 50. Geburtstag im Jahr 1939", heißt es auf der offiziellen Website des Hauses. "Hitler besuchte das Kehlsteinhaus äußerst selten."
Auf Kehlsteinhaus.de erfährt man auch, dass das Haus voraussichtlich am 9. Mai wiedereröffnet wird, nachdem es im Winter geschlossen war. Hinweise darauf, dass das Kehlsteinhaus, wie im viralen Video behauptet, "ab 2025 [... ] nicht mehr der breiten Öffentlichkeit zugänglich sein" wird, findet man nicht.
Dies, weil es keinen Verkauf gab, wie IMBY in einem Statement vom 7. Februar 2024 erklärt: "In den sozialen Medien kursiert aktuell ein Video mit Behauptungen über einen angeblichen Verkauf des Kehlsteinhauses im Landkreis Berchtesgadener Land. Dabei handelt es sich um gezielte Falschinformationen." Das Kehlsteinhaus befinde sich weiterhin im Eigentum des Freistaats Bayern. "Ein Verkauf hat nicht stattgefunden und ist auch nicht geplant." Das Kehlsteinhaus werde "regulär im Mai 2025 seinen Saisonbetrieb wieder aufnehmen."
Der Behauptung im Video, die "wirtschaftliche Schwäche" habe "die lokalen Behörden dazu veranlasst, einen Verkauf ernsthaft in Erwägung zu ziehen", erteilt Bartl Wimmer, Verbandsvorsitzender des Zweckverbands Bergerlebnis Berchtesgaden, eine Absage: "Alles Unsinn", erklärte Wimmer laut Abendzeitung-muenchen.de an einer Veranstaltung vor wenigen Tagen. "Dieses Video und seine Aussagen sind frei erfunden." Gegen die im Video aufgestellten Behauptungen spricht auch, dass das Kehlsteinhaus derzeit einen neuen Lift erhält, wie verschiedene Medien berichten (etwa hier, hier und hier).
Im viralen Video ist ein teilweise geschwärzter, angeblicher Kaufvertrag zu sehen. Laut diesem soll die Unterzeichnung in einem Regensburger Notariat erfolgt sein. Der Name des Käufers ist geschwärzt, seine Unterschrift unleserlich. Auf Verkäuferseite wird die Leiterin der IMBY-Regionalvertretung Oberpfalz genannt. Diese Regionalvertretung hat laut IMBY-Website jedoch nichts mit dem Berchtesgadener Land zu tun, wo sich das Kehlsteinhaus befindet. Für die Region ist die Regionalvertretung München zuständig.
"Der im Video gezeigte angebliche Kaufvertrag ist eine Fälschung", heißt es im IMBY-Statement. Gleiches gelte auch für das angebliche Zitat der IMBY-Geschäftsführung, das im kursierenden Clip zu sehen ist. Die entsprechende Passage wurde so bearbeitet, dass sie wie ein Mitschnitt eines Gesprächs mit dem Geschäftsführer von Immobilien Freistaat Bayern klingt. Doch der herauszuhörende Dialekt deutet darauf hin, dass bloß die Stimme des Sprechers im Video verfremdet wurde.
20 Minuten konnte das Video auf der Plattform X bis zum 5. Februar 2025 zurückverfolgen. Als einer der ersten postete es ein Account, der dafür bekannt ist, Posts des sogenannten Storm-1516-Netzwerks zu teilen.
Das Netzwerk ist bekannt dafür, russische Propaganda zu teilen. Dabei imitiert es Berichte und Beiträge großer Medienorganisationen, um die Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Die Falschbehauptungen werden dann von Profilen mit teils hoher Reichweite und zum Netzwerk gehörenden Portalen geteilt. Zum Beispiel von Pravda DE, das auch zum Netzwerk Portal Kombat gehört, das für das Teilen pro-russischer Inhalte und das Führen von Desinformationskampagnen bekannt ist. Während dort das Impressum ganz fehlt, ist bei einem anderen Propagandaportal eine nicht existente Adresse angegeben. Dazu passt, dass das Video auch mit russischen Untertiteln geteilt wird.
Das virale Video, das behauptet, der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski habe über seine Firma San Tommaso SRL das Kehlsteinhaus gekauft, ist nachweislich eine Falschinformation. Das Gebäude befindet sich weiterhin im Besitz des Freistaats Bayern, und weder ein Verkauf noch eine Privatisierung sind geplant. Der im Video gezeigte Kaufvertrag ist gefälscht, und auch die zitierten Aussagen sind erfunden. Mehrere inhaltliche Fehler sowie weitere Hinweise deuten darauf hin, dass das Video Teil einer russischen Desinformationskampagne ist, die gezielt Falschmeldungen verbreitet.
Die Falschbehauptung ähnelt einer vom letzten Oktober, als das falsche Gerücht kursierte, Selenski habe Hitlers Mercedes gekauft. Doch auch dieses entpuppte sich als Falschbehauptung. Das Fake-Video ist ein weiterer Versuch, Selenski in ein schlechtes Licht zu rücken.