Österreich

Fiaker-Streik gegen Tierschützer-Mahnwache

Heute Redaktion
14.09.2021, 15:51

Zwischen Tierschützern und Fiakern tobt ein Kampf um die Wiener Kutschenpferde. Um auf die Bedingungen der Fiakerpferde aufmerksam zu machen, starten Tierschützer eine Online-Petition. Die Unterschriftenliste wird schließlich der Stadt Wien übergeben. Am Samstag werden die Kutscher gegen die Forderungen der Tierschützer und der Wiener Grünen einen Streik abhalten.

Der Kampf zwischen Tierschützern und Fiakern um die Wiener Kutschenpferde wurde am Samstag am Wiener Stephansplatz offen ausgetragen. Die Kutscher hielten einen "Info-Streik" und die Tierschützer eine Mahnwache ab.

Die Tierschützer hielten am Samstag zwischen 11 und 14 Uhr am Stephansplatz eine "Mahnwache" ab, um auf die schlechte Behandlung der Tiere, unter anderem durch Fahrten bei über 30 Grad, hinzuweisen. Mehrere Dutzend Aktivisten des Verein Gegen Tierfabriken (VGT) und des WEEAC (World Event to End Animal Cruelty) verharrten mit Pferdemasken und überdimensionalen Sprechblasen stundenlang in der prallen Sonne. Sie sammelten Unterschriften und verteilten Flugzettel für ein grundsätzliches Verbot.

Die Fiaker weisen die Vorwürfe entschieden zurück und hielten ebenfalls am Samstag einen Streik light am Stephansplatz ab. Sie standen zwar an den Stehplätzen, aber statt Rundfahrten anzubieten, um die Leute zu informieren: "Wir werden vorrangig von Leuten beurteilt, die von der Materie keine Ahnung haben", ärgerte sich Michaela Michelfeit, stellvertretende Branchensprecherin in der Wiener Wirtschaftskammer und selbst Fiakerunternehmerin.

"Wenn ein Pferd am Boden liegt, dann meist aufgrund eines menschlichen Fehlers", schilderte Michelfeit im Gespräch mit einer jungen, ausgesprochen interessierten Passantin. Von den Tieren an sich habe sie wenig Ahnung, aber eben oft ein mulmiges Gefühl, wenn sie die Droschken im Straßengewirr beobachtet, meinte letztere. Gerade einige Stellen am Ring scheinen für die Tiere immer wieder Gefahren- und Stresssituationen hervorzurufen.

Michelfeit fürchtet ihre "eigene Abschaffung"

"Verbesserungen sind durchaus in meinem Sinn - aber ich will mich nicht ständig über meine eigene Abschaffung unterhalten", sagte Michelfeit. So gibt es etwa keine Neubewilligungen ohne Koppel mehr - Kellerstallungen gehören der Vergangenheit an. Lärm, Hektik, wenig Rücksichtname der anderen Verkehrsteilnehmer führen tatsächlich immer wieder zu brenzligen Situationen, schilderte die stellvertretende Branchensprecherin in der Wiener Wirtschaftskammer. Im Großteil der kritisierten Fälle würden die Rösser umgeworfen und können nur recht schwer wieder aufgerichtet werden, wenn sie eingespannt sind. Für Außenstehende könne das wie ein Kollaps wirken.

Zu den häufigsten Fragen zählte wohl Hüben die drüben jene, woran man den Gemüts- und Gesundheitszustand eines Pferdes am besten erkennen könne. "Fell, Atmung, aber auch Schweißbildung geben meist einen guten Eindruck - oft kann man aber dem Bauchgefühl vertrauen", erläuterte die eloquente studierte Branchenvertreterin unermüdlich. Im Zweifelsfall könne man die Tierschutzhotline bzw. das Veterinäramt verständigen.

Hitze sei selten ein Problem, und "bei guter Ausbildung und Fachkenntnis gewöhnt sich ein Tier auch innerhalb eines Jahres an den Verkehr auf der Ringstraße". Rund die Hälfte ihrer Pferde hat man ihr übrigens geschenkt bzw. "nachgeschmissen". Viele haben eine Karriere auf der Rennbahn oder sonst wo im Arbeitseinsatz hinter sich, bevor sie hier ihren Dienst antreten. Was wäre aus ihnen geworden, wenn nicht Fiaker-Pferde? Salami, vermutlich. Oder Pferdeleberkäse.

VP hält zu Fiakern

Während die Tierschützer Rückendeckung von den Grünen - Umweltsprecher Rüdiger Maresch hatte bei Pferde-Einsatz an Tagen mit über 30 Grad von Tierquälerei gesprochen - bekommen, erhalten die Fiaker Unterstützung von der VP-Landespartei: "Für uns besteht kein Zweifel, dass die Wiener Fiakerinnen und Fiaker kompetent genug sind, ihren Tieren ordentliche Lebens- und Arbeitsbedingungen zu garantieren", sagte der Klubobmann der ÖVP Wien, Fritz Aichinger, am Samstag.

Tierfreunde haben eine Online-Petition ins Leben gerufen. "Wir laden alle, denen das Wohl der Pferde am Herzen liegt, ein, unser 6-Punkte-Programm zu unterschreiben", so "Vier Pfoten"-Kampagnenleiterin Nikola Furtenbach. Die Unterschriftenliste wird schließlich der Stadt Wien übergeben. 

Die zentralen Forderungen der Tierschützer

Als zentralen Punkt sehen die Tierschützer die Beschränkung der Arbeitszeit: „Derzeit dürfen Pferde 14 Stunden am Stück genützt werden. Wir wollen eine Beschränkung auf 10 Stunden.“ An extrem heißen Tagen kollabieren immer wieder Pferde. Daher fordert "Vier Pfoten" . Ebenso sei die derzeitige Regelung der Schattenplätze unzureichend: "Die Stellplätze müssen den ganzen Tag im Schatten stehen." Neben ständigem Zugang zu Wasser und Futter sowie angemessenen Auslaufflächen sollen die Pferde während der Ruhezeiten nur in Grünanlagen zum Einsatz kommen. "Pferde haben in der Innenstadt absolut nichts verloren", betont Furtenbach. Immer wieder komme es zu Unfällen mit Autos.

 

Das Sechs-Punkte-Programm:

Arbeitszeiten Beschränkung auf 10 Stunden
Zugang zu Wasser und Futter
Angemessene Auslaufflächen
Ausreichend Schutz vor Sonneneinstrahlung
Hitzefrei ab 30 Grad
Fahrten ausschließlich in Grünanlagen

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