Via Instagram hat "20 Minuten"-Leserin Jana ein Video zur Prüfung eingereicht, laut dem die "BBC versehentlich zugab, dass dem Covid-Impfstoff HIV zugesetzt worden ist". Die Behauptung kursiert breit in den sozialen Medien und Messengern wie Telegram. "Weiß Gott, was in diesen Impfungen sonst noch alles enthalten ist, von dem wir nichts wissen!", lautet ein Kommentar dazu.
Das Video ist zwar echt, die damit verbreitete Behauptung jedoch falsch. Die zu hörende Passage handelt nicht von einem tatsächlich verfügbaren Covid-Impfstoff, sondern konkret um einen Impfstoff-Kandidaten von australischen Forschenden. Dieser ist nie zugelassen worden. Auch hat das Forschungsteam nicht das HI-Virus selbst genutzt, sondern nur ein Fragment eines HIV-Proteins, das dem Virus zwar hilft, an Wirtszellen anzudocken, aber keine Infektion auslösen kann. Es bestand zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr einer tatsächlichen HIV-Infektion.
Die Falschbehauptung basiert auf der 89-minütigen BBC-Dokumentation "Horizon Special: The Vaccine" aus dem Jahr 2021. Diese zeigte die "Geschichte des beispiellosen globalen Bestrebens, Impfstoffkandidaten in Tagen und Wochen statt in Jahren zu entwickeln", wie die BBC in einer Info schreibt. Konkret gewährt der Dokfilm Einblick in die Arbeit von fünf Gruppen von Impfstoffforschenden aus den USA (Moderna), China (Sinopharm), Großbritannien (AstraZeneca), Australien (kein zugelassener Impfstoff) und Deutschland und den USA (Pfizer/Biontech).
Der rund 25-sekündige Ausschnitt, der auf Social Media kursiert, betrifft die Arbeit des australischen Teams um Keith Chappell von der University of Queensland. Jedoch, ohne den Kontext mitzuliefern. So heißt es nur, dass das bei dem australischen Impfstoffkandidaten "ein winziges Fragment von HIV" zum Einsatz komme. Ohne weitere erklärende Informationen kann das falsch verstanden werden.
Chappell und seine Kolleginnen und Kollegen forschten 2020 zu einem innovativen Proteinimpfstoff, bei dem eine neuartige "Klammer-Technik" zum Einsatz kommen sollte. Warum, erklärt Chappell in der Original-BBC-Doku (ca. ab Minute 11:25): "Das Spike-Protein ist hochflexibel. Es will auseinanderfallen, sich in andere Strukturen verwandeln." Die molekulare Klammer halte es zusammen "und ermöglicht es ihm, zu 100 Prozent in dieser Struktur zu bleiben, die auf der Oberfläche des Coronavirus vorhanden ist." Dadurch soll das Virus angreifbarer für den Impfstoff bleiben.
Das von der BBC-Sprecherin erwähnte "Fragment von HIV" soll als Klammer dienen. Im Dok erklärt Chappell, warum die Wahl ausgerechnet darauf fiel: "Wir haben uns dafür entschieden, weil es so gut erforscht ist. Es handelt sich um eine hochstabile Struktur", sagt er vor laufender Kamera. "Diese Art von Impfstoff birgt absolut kein Risiko. Es gibt nichts, was die HIV-Vermehrung auslöst." Es sei nur in kleines Fragment eines Proteins, das auch in HIV vorkomme.
gp41: Um dieses Protein-Fragment ging es
Bei dem Protein-Fragment, das die Australier in ihrem Impfstoffkandidaten einsetzen wollten, handelt es sich um das Glykoprotein 41, kurz gp41. Davon berichteten sie 2021 im Fachjournal "The Lancet". gp41 kommt in der Virushülle des HI-Virus vor und dient der Fusion des Virus mit der Wirtszelle. Konkret: Es hilft dem Virus anzudocken, kann aber selbst keine Infektion hervorrufen.
Der australische Impfstoffkandidat hat es nie zur Zulassung gebracht. Auch dies findet in dem Mini-Clip keine Erwähnung. Die Entscheidung, die Entwicklung des Kandidaten zu stoppen, fiel bereits während der Phase-I-Studie: Zwar zeigten die mit dem Vakzin geimpften Studienteilnehmenden robuste Immunreaktionen gegen das Coronavirus Sars-CoV-2, allerdings wurde auch deutlich, dass "das in der Klammer vorhandene gp41 [ …] zu Störungen bei HIV-Diagnosetests führte", wie es in "The Lancet" heißt. In anderen Worten: Gängige HIV-Tests zeigten bei den Geimpften mitunter eine "falsch-positive" HIV-Infektion an.
Das Video und die dazugehörigen Posts entbehren laut der wissenschaftlichen Daten jeder Grundlage. Es bestehe "allgemein Einigkeit darüber, dass die etablierten HIV-Testverfahren im Gesundheitswesen erheblich geändert werden müssten, um die Einführung dieses Impfstoffs zu ermöglichen", teilte die Queensland University schon im Dezember 2020 mit. Daher hätten die Uni und die australische Regierung "vereinbart, dass die Impfstoffentwicklung nicht in die Phase 2/3 der Studien übergehen wird". Über den Stopp der Entwicklung des australischen Covid-Impfstoffs berichtete auch Science.com. Auch in der BBC-Dokumentation wird er erwähnt (ab rund 1:08:20).
Alle Beteiligten betonten damals, dass der Impfstoff zwar zu falsch-positiven HIV-Tests führte, er aber nachweislich keine HIV-Infektionen verursacht: Routinemäßige Folgetests "haben bestätigt, dass kein HI-Virus vorhanden ist".
Die Behauptung, dass Covid-Impfstoffe HIV enthalten, ist falsch. Sie basiert auf einem aus dem Kontext gerissenen Ausschnitt einer BBC-Dokumentation, in der es um einen australischen Impfstoffkandidaten ging, der nie zugelassen wurde. Dieser enthielt ein Fragment eines HIV-Proteins (gp41), das jedoch keine Infektion auslösen konnte. Es wurde als molekulare Klammer verwendet, um die Stabilität des Protein-Impfstoffs zu erhöhen. Die Entwicklung wurde Ende 2020 gestoppt, da der Impfstoff zwar gut gegen Covid-19 wirkte, aber zu falsch-positiven HIV-Testergebnissen führte. Es sei infolge der Impfung während der Phase-I-Studie zu keiner HIV-Infektion gekommen. Das haben regelmäßige Folgetests gezeigt.
Das Video und die dazugehörigen Posts entbehren laut der wissenschaftlichen Daten jeder Grundlage. Sie zielen darauf ab, Ängste vor den Covid-Impfungen generell zu schüren.