Obwohl die russische Wirtschaft durch westliche Sanktionen eingeschränkt wird, steht sie so gut da wie praktisch nie zuvor. Aufgezeigt wird dies in einem neuen Online-Monitoring, das vom in Wien tätigen Ökonomen Vasily Astrov mitaufgebaut wurde. "Andere Faktoren machen die Sanktionen mehr als wett", sagt Astrov im Interview mit dem "Business Insider".
"Russland war auf die Sanktionen vorbereitet, insbesondere durch die Entwicklung eines alternativen Zahlungssystems zum westlichen System Swift. Außerdem ist Russland schlicht wenig auf ausländisches Geld angewiesen."
Staaten wie China, Indien und die Türkei ersetzten als Handelspartner Europa. "Und die hohen Staatsausgaben kurbeln die inländische Wirtschaft an", erklärt Vasily Astrov.
Vasily Astrov erklärt, Russland habe vor dem Krieg den Fokus auf Sparsamkeit und den Abbau von Auslandsschulden gelegt. "Russland hat ein großes finanzielles Polster aufgebaut, das es nun für Staatsausgaben nutzen kann."
Dieses Polster könnte bis Ende 2025 ausreichen, vorausgesetzt, die Budgetdefizite bleiben auf dem Niveau von 2022. Da das Land jedoch eine niedrige Staatsverschuldung von nur 15 Prozent der Wirtschaftsleistung vorweisen kann, biete dies langfristig die Möglichkeit, weiterhin Kredite aufnehmen zu können.
"Der Krieg hat zu einem Arbeitskräftemangel geführt, hauptsächlich in der Rüstungsindustrie", so Astrov. In der Folge seien in diesen Bereichen die Löhne teilweise verdoppelt worden, um das Defizit aufheben zu können. Der Vorgang habe einen regelrechten Wettbewerb zwischen Rüstungsunternehmen und zivilen Firmen ausgelöst und die Löhne in die Höhe getrieben.
"Dies kommt vor allem den unteren Einkommensschichten zugute, die nun mehr Geld ausgeben können", weiß Astrov. Die Folge: Der private Konsum wurde angekurbelt. Die Gastronomie profitiert, der Inlandstourismus blüht.
Nur etwa zehn Prozent der westlichen Unternehmen haben Russland tatsächlich verlassen. "Die Behörden erschweren den Rückzug", meint Astrov. Auswirkungen zeigten sich vor allem in der Autoproduktion, die nach dem Rückzug fast aller Hersteller aus dem russischen Geschäft stark eingebrochen sei.
Negative Folgen würden nur Menschen aus der schmalen Mittelklasse spüren. "Für die ärmeren Bevölkerungsschichten hat sich wenig geändert, da sie sich diese Dinge ohnehin nicht leisten konnten. Sie merken die Sanktionen im Alltag kaum." Diese Einschätzung teilt auch der russische Investmentbanker Andrej Movchan in der "Welt": "Die Bevölkerung ist an Armut sowie autoritäre Kontrolle gewöhnt."
"Wenn das Ziel der Sanktionen war, den Krieg zu stoppen, dann ist das nicht gelungen. Langfristig könnten gezielte Sanktionen auf Hochtechnologie aber die russische Wirtschaft schwächen – etwa weil Technologien für neue Gasfelder oder Flüssiggas fehlen", erklärt Astrov. Das geschehe aber höchstwahrscheinlich in einem Zeitraum von zehn bis 15 Jahren. "Es wird also eine diplomatische oder militärische Lösung erforderlich sein, um den Krieg zu beenden. Über die Wirtschaft geht das nicht."
Ähnlich sieht dies der renommierte Investmentbanker Andrej Movchan: "In den meisten Fällen haben Sanktionen nicht zu politischen Veränderungen geführt. In dieser Hinsicht sind auch diejenigen gegen Russland wirkungslos." Sanktionen hätten auf ein Land, das ein großer Rohstofflieferant ist, kaum wirtschaftliche Effekte. "Eine Wirtschaft, die zehn Prozent des globalen Öls fördert, kann man von außen nicht zerstören."
Wenn es nach den Finanzministern der EU-Mitgliedstaaten geht, "verbreitet Putin Lügen", was die Wirtschaftslage angeht. Dieser rechnet mit einem BIP-Wachstum um die fünf Prozent, sagte er im Juni.
Finanzminister aus acht EU-Mitgliedstaaten meinen nun gegenüber dem "Guardian", die Aussagen müssten widerlegt werden. Es gebe Anzeichen dafür, dass Putin die Wirtschaft mit vielen Merkmalen der ehemaligen UdSSR, etwa mit Enteignung privater Vermögenswerte zur Finanzierung öffentlicher Ausgaben, "sowjetisiert" habe. Das zuletzt kommunizierte Wachstum sei bedeutungslos, weil die zugrundeliegende Quelle nicht nachhaltig sei.