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Wiener steigt auf Zug – erwacht Monate später aus Koma

Wer auf Waggons klettert, muss mit einem Stromschlag rechnen. Die ÖBB machen mit einer Kampagne auf die Gefahr aufmerksam – ein Betroffener erzählt!
Wien Heute
07.09.2023, 13:35
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50 Prozent der Haut schwer verbrannt, die Beine spürte er kaum mehr: Nino L. (18) aus Wien-Donaustadt war am 26. Februar 2022 auf einen abgestellten Zug am Wiener Praterstern geklettert. Dabei geriet er in den Lichtbogen der Hochspannungsleitung über dem Waggon. Ein Stromschlag mit 15.000 Volt war die Folge, der den jungen Wiener fast getötet hätte. Er erlitt Verbrennungen zweiten und dritten Grades. Erst zwei Monate später erwachte er im Wiener AKH wieder aus dem Koma. "Man muss die Leitung nicht berühren, um zu sterben", erklärt Chirurgin Viktoria König, die Nino L. behandelte. 

"Das Gehirn löscht ganz schlimme Erinnerungen"

"Ich erinnere mich nicht mehr an alles" so Nino zu "Heute". "Die Ärzte haben gesagt, sehr schlimme Erinnerungen löscht das Gehirn". Es sei Abend gewesen, das wisse er noch, irgendwo auf dem abgesperten Gleisgelände am Wiener Praterstern. "Ich habe nun schwere Verbrennungen, eine Vernarbung am Rückenmark und einen Nervenschaden in den Beinen, meine Füße spüre ich wenig. Der Physiotherapeut sagt, vielleicht nach jahrelanger Arbeit könnte ich wieder laufen."

Stromschlag am Hinterkopf

Bei Nino trat der Strom am Hinterkopf ein und am Fuß wieder aus. Trotz der schweren Verletzungen meint er: "ich habe Glück gehabt".

Im Rohlstuhl wegen Graffiti 

Im Laufe der Behandlung lernte der Wiener auch andere junge Männer getroffen, denen ähnliches passiert war. Einer von ihnen  ist beispielsweise Jacob K. Dem 15-Jährigen musste der Arm amputiert werden. Den Jugendlichen traf der Stromblitz beim leichtsinnigen Graffiti-Sprühen. "Ich liebe Streetart", erzählt der Jungendliche. Er hatte Ende des Jahres 2022 eine Graffiti-Dose aus Blech in der rechten Hand und stand auf einem Zug in Hietzing – die Dose leitete die 15.000 Volt direkt in seinen Arm und Körper. Der Arm konnte nicht gerettet werden, Jacob K. sitzt seither im Rollstuhl.

Gefährliches "Trainclimbing"

Die meisten Starkstromverletzten gebe es bei Arbeitsunfällen, berichteten die ÖBB bei einem Pressetermin am Donnerstag (7.9.2023). Doch auch jugendlicher Leichtsinn endet oft mit schweren Folgen. "Es sind meist harmlose Motive aus denen heraus junge Leute auf abgestellte Waggons kletterten. 'Trainclimbing' wird das Phänomen genannt. "Manche wollen die Aussicht genießen, Fotos schießen, ein Bier trinken, über ihren Liebeskummer nachdenken. Einer wollte sogar mal Yoga auf einem abgestellten Zug machen", so die AKH-Ärztin König.

Der Vorstand der ÖBB-Infrastruktur Johann Pluy, Christian Schimanofsky - Chef des Kuratoriums für Verkehrssicherheit, Strom-Opfer Nino L. und die AKH-Chirurgin Viktoria König (v.l.).
Denise Auer

Jeder Zweite stirbt 

Etwa 40 bis 50 Prozent der Kontakte mit den Starkstromleitungen oder dem Lichtbogen enden tödlich. Auch wenn man überlebt, gibt es Langzeitfolgen. Nervenschäden, Verbrennungen, Lähmungen, Amputationen von verkohlten Körperteilen. Unsichtbare Schäden an den Nieren, dem Herzen, Muskelschäden. "Die Folgen sind immer verheerend", so die Ärztin. "Eine Stromleitung muss gar nicht erst berührt werden, um von einem 15.000 Volt Lichtbogen getroffen zu werden. Ein Augenblick der Unachtsamkeit kann ein Leben dramatisch verändern oder gar beenden."

ÖBB startet neue Sicherheitskampagne

Die Bundesbahnen wollen mit einer neuen Sicherheitskampagne auf die Gefahr aufmerksam machen. Das soll mit Sujets in Print- und Online-Medien gelingen. Mit drastischen Videos und Slogans, die unmissverständlich klar machen: "Auch wenn bisher nichts passiert ist, das nächste Mal kann das letzte Mal sein". Oder "erst probiert, dann flambiert", warnt die ÖBB. Mindestens drei bis vier Meter müsse man Abstand halten zu den Hochspannungsleitungen. Hier kann man alle Clips ansehen. "Man muss nicht bei jedem Blödsinn dabei sein. Man muss nicht alles mitmachen. Man verpasst nichts", so Nino L. geläutert. 

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