Impfen oder nicht? Gäbe es einen Preis für die Debatte des Jahres, würde ihn die Impfdiskussion wohl abstauben. Spürbar ist das auch für Wiens berühmten Schlussmacher Peter Treichl. Seit der Pandemie stieg die Nachfrage bei seiner Agentur stark an. Lockdown und Co. führten zu vermehrten Beziehungsproblemen, die oft in einer Trennung gipfelten. Wer diese nicht selbst vollziehen möchte, ruft Peter Treichl zu Hilfe. Bepackt mit einem "Abschiedskoffer", gefüllt mit Taschentüchern, Sekt und - wie passend - einem Gutschein für die hausinterne Partneragentur überbringt der Wiener den Betroffenen dann die traurige Nachricht. Bis zu zehn berufliche Trennungen führt der 54-jährliche jährlich durch, in "guten" Wochen erreichen ihn bis zu neun Anfragen.
Ein Konzept, das seinesgleichen sucht und seinen Ursprung mitunter im bekannten deutschen Film "Der Schlussmacher" mit Starschauspieler Matthias Schweighöfer hat. "Ich dachte, es wird nicht lange dauern, bis jemand Verrückter versucht, das zu kopieren und selbst eine Agentur zu gründen. Das ist nicht passiert und dann hab ich's einfach gemacht", lacht Treichl im Gespräch mit "Heute". Mit seinem "Trennungsmobil", einem Smart ist Treichl unterwegs, mittlerweile erkennen ihn die Leute auch schon. "Sie haben eine Vorahnung und wenn sie mich sehen, ist es ihnen schon klar." Nach fast einem Jahrzehnt im Geschäft ist er schon routiniert, keine noch so kuriose Situation kann den Schlussmacher der Nation noch umhauen. Und davon gibt es genügend.
"Ein 76-jähriger Mann hat meine Dienste in Anspruch genommen, weil seine Frau nicht mehr mit ihm redet. Ich kam bei ihrem Haus an, er saß auf der Bank und vergrub das Gesicht in seine Zeitung. Die Frau sah mich, blickte ihn schockiert an und meinte: Schatzi, wir müssen miteinander sprechen", erzählt Treichl. Ein anderes Mal wird er halb nackt an der Türe begrüßt oder die Person ist statt traurig richtig erleichtert. Das wichtigste im Business: "Man darf nichts persönlich nehmen." Auch mit Schicksalen ist Treichl immer wieder konfrontiert. "Ein dreifacher Familienvater, dessen Frau ihn betrogen hat und der nun verzweifelt ist und nicht weiter weiß. Das geht einem nah."
Nicht selten kommt es auch vor, dass der oder die Neue im Hintergrund herumschleicht: "Dann ist eh schon alles klar und ich hab nicht mehr viel zu tun", lacht der Trennungsprofi. Umso mehr zu tun hat er seit der Corona-Krise. Die Anfragen stiegen deutlich und kamen meist mit einem einleitenden Satz: "Ein zweites Mal halte ich das nicht mehr aus." Die Verzweiflung wandelt sich aber immer häufiger in Wut um. "Die Menschen sind böser, gereizter, aggressiver. Das spüren wir schon. Sie haben eine gewisse Erwartungshaltung, alles soll am besten gleich am selben Tag erledigt werden."
Aber nicht nur die Lockdowns zehren an den Menschen, auch die unterschiedlichen Haltungen zur Impfung sind in der Trennungsbranche stark spürbar. "Wir haben vermehrt Anfragen, dass jemand sich trennen will, weil der Partner nicht geimpft ist oder eben geimpft ist - je nach Einstellung", berichtet Treichl. "Auch die politische Einstellung spielt hier mit rein. Das sind mittlerweile für die Leute ausschlaggebende Punkte, sich zu trennen." Abgesehen davon gehört die fehlende Kommunikation immer noch zu den Hauptgründen für das Ende einer Beziehung.
Dass der Impfstatus ein Thema in der Dating-Welt ist, beweist auch eine Kooperation der Dating-App Tinder mit der "Österreich impft"-Initiative. Im Herbst des letzten Jahres wurde Nutzern von Tinder, Zweisam und LoveScout24 der Stellenwert der Corona Impfung vermittelt, um Begegnungen im echten Leben wieder möglich zu machen.
Aber noch etwas hat sich seitdem getan: "Es sind jetzt mehr Männer als Frauen, die sich bei mir melden. Mittlerweile sind wir bei 70 Prozent Männeranteil", so Treichl. Die meisten Kunden sind zwischen 40 und 50 Jahre alt. "Dann, wenn die Kinder aus dem Haus sind, fangen viele an, die Beziehung zu überdenken. Wobei die Frauen definitiv rigoroser sind. Wenn sie eine Entscheidung getroffen haben, bleibt es auch dabei. Trauriger ist aber eigentlich: Ich frage immer, wann er oder sie gewusst hat, dass es nicht mehr passt und oft kommt die Antwort, dass es eigentlich nie gepasst hat."
Peter Treichl ist vielbeschäftigt. Neben der Trennungsagentur betreibt er noch diverse Agenturen, wie etwa eine christliche oder homosexuelle Partnervermittlung oder eine Agentur für osteuropäische Frauen. Sie alle laufen gut und einen Anteil daran hat sicherlich auch der Gutschein im Trennungspaket. Laut Treichl nehmen ihn 10 Prozent der Betroffenen in Anspruch. Sie wollen sich neu verlieben - und lassen sich dafür wieder auf den Schlussmacher ein.