Totalitäre Tendenzen?

Punktesystem für "brave Ökos" spaltet deutsche CDU

Dass Umweltschutz nicht nur aus Drohungen und Strafen bestehen muss, versucht der Landkreis Mainz-Bingen vorzuzeigen – erntet dafür aber auch Kritik.
Nick Wolfinger
12.02.2025, 17:51

Mit einem Punktesystem belohnt der rheinländische Landkreis klimafreundliche Haushalte. In gleich 84 Kategorien werden Punkte vergeben. Wer am Jahresende zumindest 150 Punkte erreicht hat, erhält als Belohung ein grünes Hausnummernschild. Trotz der rein symbolischen "Belohnung" entsteht bei manchen jedoch der Eindruck von einer Spaltung der Bürger in "brave Ökos" und "schlechte Bürger", wie es die deutsche "Bild" formuliert.

Lehmhaus empfohlen

Zunächst einmal gibt es Punkte für die Bauweise des Hauses, die verwendeten Baumaterialen und den Heizwärmebedarf. Ist das Haus aus Holz oder Lehm, hat man schon mal 20 Punkte fix. Wer Fensterrahmen aus Holz (statt etwa Kunststoff oder Metall) eingebaut hat, bekommt weitere 5 Punkte. Weiters gibt es Punkte für ökologische Fassadendämmung, die Verwendung recycleter Baustoffe oder die Ausrichtung der Fenster nach Süden.

Eine hauseigene Fotovoltaik-Anlage bringt 20 Punkte, ein unterdurchschnittlicher Stromverbrauch 4 bis 8 Punkte. Wer sein Haus als Passivhaus errichtet (unter 15 kwH pro m2 Heizwärmebedarf) erhält auf einen Schlag 70 Punkte.

Wildwiese, Komposthaufen und alte Bäume

Eine wichtige Kategorie ist natürlich die Außengestaltung - und der Umgang mit Regenwasser. So bringt eine Regenwassertonne im Garten schon mal 5 Punkte. Verwendet man das Wasser auch für die Klospülung oder sogar die Waschmaschine, gibt es jeweils 10 Punkte extra. Punkte gibt es auch für Fassadenbegrünung, die Verwendung heimischer Bäumer sowie einen Baumbestand, der älter als 30 Jahre ist. Natürlich sollte der Rasen nicht zu oft gemäht werden (Wildwiese = 6 Punkte) und auch ein Komposthaufen ist gern gesehen (2 Punkte).

Punkte für Lebensstil polarisieren

In weiteren Kategorien geht es aber nicht nur um das Haus und die Freiflächen drumherum, sondern um den persönlichen Lebensstil. Und vor allem diese Punkte sind es, die manchen Kritikern sauer aufstoßen. So gibt es auf der Checkliste dutzende Einträge wie "Verzicht auf Einwegflaschen" (4 Punkte), "Verwendung biologischer Reinigungsmittel" (6 Punkte), maximal zwei Mal Fleischkonsum pro Woche (4 Punkte) oder "vorwiegend Einkauf von Bio-Lebensmitteln" und "zertifizierte, fair gehandelte Kleidung" (8 Punkte), Lebensmittel, Kaffee... bis hin zur "ökologischen Geldanlage".

Bürokratischer Wahnsinn?

Da das ganze natürlich in deutscher Gründlichkeit auch von den Behörden überprüft wird, kann man sich zurecht fragen, ob hier nicht etwas zu viel bürokratischer Aufwand betrieben wird, bloß um ein "grünes Taferl" über die Haustür hängen zu können. Vor allem scheint es auch fragwürdig, wie man überhaupt beweisen kann, das ganze Jahr über keine Einwegflaschen verwendet zu haben – vom Vorlegen dutzender Biomarkt-Rechnungen mal abgesehen.

Ex-Familienministerin warnt vor Überwachungsstaat

So sieht das jedenfalls die ehemalige CDU-Familienministerin Kristina Schröder (47). In einem Posting auf X will sie in dem Projekt "Tendenzen in Richtung chinesisches Sozialkreditsystem" erkennen:

Öko-System kennt keine Strafen

Dabei ist das Öko-Punktesystem eine Idee der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und der Landkreis Mainz-Bingen von einer CDU-Regierung geführt. Anders als im chinesischen Sozialkreditsystem gibt es auch keine Minuspunkte bei Fehlverhalten, beinhaltet keine ungefragte Überwachung im Internet und durch Überwachungskameras und es drohen auch keine Arbeits- oder Reiseverbote, wenn man nicht genügend Punkte erhält.

Freiwilliges Angebot

So reagierte dann auch die Kreisverwaltung etwas irritiert auf die Kritik ihrer Parteikollegin. Das "grüne Schild" sei ein "freiwilliges Angebot". Wer an diesem 2020 gestarteten Projekt teilnehme, erhalte weder finanzielle Vorteile, noch irgendwelche Nachteile und sei daher nicht mit dem chinesischen Überwachungssystem vergleichbar.

Das "Grüne Schild" wird an diese Eigentümer verliehen, um ihr Engagement für den Umweltschutz öffentlich sichtbar zu machen und als Anreiz für andere zu fungieren. Es dient dazu, Hauseigentümer zu motivieren, umweltfreundliche Maßnahmen wie die Nutzung erneuerbarer Energien, energiesparende Renovierungen oder nachhaltige Bauweisen umzusetzen.

{title && {title} } NW, {title && {title} } Akt. 12.02.2025, 18:12, 12.02.2025, 17:51
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