So hat man Hermann Nitsch noch nicht gesehen. Bekannt für seine blutroten Schüttbilder setzt der Künstler in seiner neuesten Schau "Hermann Nitsch - Neue Arbeiten" auf bunte Blumen statt Tiergedärme. Die 80 Kunstwerke im nitsch museum in Mistelbach (NÖ) zeigen leuchtende Farbkompositionen, inspierert von Frühlingsblumen. "Diese Bilder sind aber kein Abschwören - im Gegenteil", betont der Künstler am Wochenende im Interview. "Mein ganzes Leben habe ich mich mit Farben beschäftigt. Die Aktionsmalerei ist die erste Stufe meiner Theaterrealisierungen. Es ging mir damals wie heute um die Substanz und Materie der Farbe. Beim Malen mit Fleisch, Blut und Gedärmen sind schon prächtige Farben aufgetaucht. Ich wollte weiter in Farbe wühlen, Farben kneten", erklärt Nitsch, der im August seinen 82. Geburtstag feiert.
Die aktuellen Werke sind fast alle heuer entstanden. "Ich möchte mich mit dieser Ausstellung berauschen an Blumenfarben und frischer gesunder Luft.", so der Künstler. Die Schau hätte bereits vor einem Monat eröffnet werden sollen, Corona hatte dem einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ob das Virus Nitschs Arbeit beeinflusst habe? "Nein. Aber ich habe Angst vor Corona und will nicht darüber sprechen." Neben den großen, pastosen Bildern wurden in der Ausstelungshalle auch prächtige Gladiolensträuße drapiert. Sie sind laut Nitsch ein Teil der Installation, die "einem sakralen Raum gleichkommen soll."
Bei seiner 81. und 82. Malaktion am Schüttboden seines Prinzendorfer Schlosses war der Künstler ebenfalls von Blumen umgeben. "Man kann auch von Blumenfleisch sprechen. Mein Assistent hat mir eine große Ansammlung von Kübeln mit den verschiedensten Farben vorbereitet. Ich lasse mich bei der Auseinandersetzung mit der Farbe immer wieder beeinflussen. Es ist dann oft so, wie wenn ich ein Tier ausweide. In meiner Theorie gehört auch die Ausweidung eines Tieres zum Malakt." Beim ausgelassenen Abendessen auf seinem Schloss Prinzendorf (nein, es gab keine Blutwurst) verriet ein bereits den ganzen Nachmittag über gut gelaunter Nitsch dann, dass Ende Juli 2021 in Prinzendorf ein neues 6-Tage-Spiel stattfinden soll. Die Vorbereitungen laufen bereits. "Ich liebe es, das Leben zu zelebrieren und möchte das was ich jetzt gemacht habe nächstes Jahr noch mehr steigern."
„"Ich möchte mich mit dieser Ausstellung berauschen an Blumenfarben und frischer gesunder Luft." - Hermann Nitsch“
Und was sagt der Künstler eigentlich dazu, dass ein Nitsch im Büro von Bundeskanzler Sebastian Kurz hängt? "Das ist nicht von mir gekommen, sondern eine Leihgabe vom Belvedere. Er (Anm. Kurz) hat mich dann auch ins Bundeskanzleramt eingeladen. Ich war dann auch dort, aber ich will kein Staatskünstler sein."