Ukraine-Gipfel in Istanbul

Lässt Putin Selenski sitzen? Rätselraten bis zuletzt

Nach Putins Absage an eine 30-tägige Waffenruhe schlug er selbst Verhandlungen in der Türkei vor – doch nun scheint er kalte Füße bekommen zu haben.
Nick Wolfinger
14.05.2025, 19:22
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Als sich US-Präsident Donald Trump am 10. Mai für viele überraschend klar auf die Seite von Europas "Koalition der Willigen" (Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Polen) gestellt hatte, die gemeinsam mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenski von Wladimir Putin eine sofortige Waffenruhe in der Ukraine für 30 Tage forderte, stand der russische Präsident plötzlich unter großem Druck.

Um nicht als Friedensgegner dazustehen, schlug er tags darauf die Wiederaufnahme von direkten Gesprächen mit der Ukraine am 15. Mai in der Türkei vor – den türkischen Präsidenten informierte er erst danach über seine Pläne.

Selenski: "Werde persönlich auf Putin warten"

Selenski sagte mit den Worten, er werde persönlich in Istanbul auf Putin warten, sofort zu – womit er Putin, der offenbar nie vorhatte, persönlich anzureisen, am falschen Fuß erwischte. Tagelang suchte der Kreml seither nach einem Ausweg aus dieser strategischen Zwickmühle, nach außen hin herrschte nahezu Funkstille, ob und wer von russischer Seite aus in die Türkei reisen würde.

Dabei hatte sich sogar US-Präsident Trump zwischenzeitlich bereit erklärt, ebenfalls zu den Gesprächen anzureisen, sollte Putin zusagen. Doch das schien am Mittwoch im Laufe des Tages zusehends unwahrscheinlicher ... Ein Rückblick auf die Ereignisse der letzten Tage:

Samstag, 10. Mai – Plötzlich droht Trump Putin

Bei einem Treffen der Regierungschefs von Europas "Koalition der Willigen" (Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Polen) mit dem ukrainischen Präsidenten Selenski in Kiew wurde Russland dazu aufgefordert, ab Montag (12. Mai) eine 30-tägige Waffenruhe aufzunehmen – als Voraussetzung für Friedensgespräche.

Während des Treffens rief Frankreichs Präsident Macron bei US-Präsident Trump an, um dessen Unterstützung einzuholen - was dieser auch tat. Indirekt bestätigte er das Gespräch mit den Europäern auf seiner Plattform Truth Social, als er postete, das sei "ein potenziell großartiger Tag für Russland und die Ukraine!".

Somit stand Putin erstmals seit Amtsantritt von Donald Trump als US-Präsident einer geschlossenen Front aus Europäer und den USA gegenüber. Trump drohte nun, Russland mit neuen Sanktionen zu überziehen. Eine Neuheit, hatte Trump doch bisher vor allem die Ukraine unter Druck gesetzt und Putins Positionen weitgehend unterstützt.

Eine erste, unmissverständliche Reaktion aus Moskau kam vom ehemaligen Ministerpräsident Russlands, Dmitri Medwedew: "Steckt euch diese Friedenspläne in euren Ar***!".

Sonntag, 11. Mai – Putin schlägt Treffen in der Türkei vor

Da Putin den Forderungen der Europäer und der USA nicht nachkommen konnte oder wollte – das Ultimatum lehnte er in einer Stellungnahme ab – trat er die Flucht nach vorn an und schlug ein Treffen mit der Ukraine am Donnerstag in der Türkei vor:

„Wir schlagen vor, unverzüglich am nächsten Donnerstag, dem 15. Mai, in Istanbul zu beginnen. Dort, wo sie [die Verhandlungen] zuvor stattgefunden haben und wo sie unterbrochen wurden“
Russlands Präsident Wladimir PutinRussische Nachrichtenagentur TASS, 11. Mai 2025

Weiter hieß es in Putins Vorschlag zu den Gesprächen: "Ihr Ziel ist es, die Ursachen des Konflikts zu beseitigen und einen langfristigen, historisch dauerhaften Frieden zu schaffen."

Trump bezweifelt Putins Absichten

Für US-Präsident Trump wirkte das nach einem weiteren Versuch, Zeit zu schinden. Auf seiner Plattform Truth Social reagierte er rasch:

„Der russische Präsident Putin will keine Waffenruhe mit der Ukraine, stattdessen will er ein Treffen am Donnerstag in der Türkei, um ein mögliches Ende des Blutbades zu verhandeln. Die Ukraine sollte dem SOFORT zustimmen“
US-Präsident Donald TrumpTruth Social, 11. Mai 2025

Selenski sagt sofort zu – und setzt Putin damit unter Druck

Kurz darauf reagierte auch Selenski. Auf X schrieb er: "Ich werde am Donnerstag in der Türkei auf Putin warten. Persönlich. Ich hoffe, dass die Russen dieses Mal nicht nach Gründen suchen werden, warum sie nicht können."

Montag, 12. Mai – Ohrenbetäubende Stille im Kreml

Ohrenbetäubende Stille dröhnt aus dem Kreml - Weder Putin noch einer seiner Sprecher oder Stellvertreter äußert sich zur Frage, ob Putin am Donnerstag in die Türkei fliegen wird. Kreml-Sprecher Peskow sagte lediglich, es würde eine "Delegation für mögliche Friedensgespräche bereitstehen". Aus der EU und den USA kommen weitere Signale, neue Russland-Sanktionen einzuführen, sollten die Gespräche scheitern.

Dienstag, 13. Mai – Trump will Rubio schicken

Trump gibt nach anfänglichen Überlegungen, persönlich nach Istanbul zu kommen, Außenminister Marc Rubio den Vortritt – offenbar glaubt er nicht mehr daran, dass Putin tatsächlich zu dem von ihm selbst angekündigten Treffen kommen wird.

Auch Selenski legt nach, fordert Trump auf, "die härtesten Sanktionen" gegen Russland zu verhängen, sollte Putin das Treffen  platzen lassen. "Wenn sich Wladimir Putin weigert, in die Türkei zu reisen, wäre dies das endgültige Zeichen dafür, dass Russland diesen Krieg nicht beenden will", hieß es am Dienstag in einer Stellungnahme aus Kiew.

Mittwoch, 14. Mai – Erste Reaktion aus Moskau

Am Mittwochvormittag kam endlich eine Reaktion aus dem Kreml zunächst, Russland würde eine Delegation nach Istanbul schicken - ihre Zusammensetzung sei aber noch nicht klar. Dazu müsste es eine Anweisung des Präsidenten geben, erklärte Putins Sprecher Peskow und stellte klar: "Bisher gab es keine solchen Anweisungen". Bekam Putin also kalte Füße und lässt das Treffen platzen?

Selenski kommt

Am Mittwoch trifft Selenski in der Türkei ein. Er trifft Präsident Erdogan in Ankara und wird dort entscheiden, ob er am Donnerstag nach Istanbul weiterreist – je nach dem, ob Putin kommt oder nicht. Auch Trump bringt erneut ins Spiel, persönlich zu kommen – sollte auch Putin auftauchen: "Ich weiß, dass er gerne hätte, dass ich da bin, und das ist eine Möglichkeit", sagte Trump am Mittwoch an Bord der Präsidentenmaschine Air Force One. "Wenn wir den Krieg beenden könnten, würde ich darüber nachdenken", fügte er hinzu.

Kreml will hochrangige Delegation schicken

Der Kreml scheint sich entschieden zu haben. Wie die Washington Post unter Berufung auf ein exilrussisches Onlinemedium zuerst berichtete, will Russland eine hochrangige Delegation, bestehend aus Außenminister Lawrow und Präsidentenberater Uschakow, nach Istanbul schicken.

Das wäre die höchstmögliche Besetzung einer russischen Verhandlungsdelegation, wenn Putin nicht persönlich teilnimmt. In diesem Fall wird aber auch Selensky wohl nicht persönlich nach Istanbul weiterreisen, sondern vermutlich ebenfalls seinen Außenminister (Andrij Sybiha) und/oder seinen Stabschef Andrij Jermak entsenden.

Erste direkte Gespräche seit drei Jahren

Das wäre zwar nicht das von Selensky geforderte Gipfeltreffen, aber dennoch ein Teilerfolg, da die letzten Gespräche zwischen Vertretern Russlands und der Ukraine bereits drei Jahre zurückliegen. Damals wurde in Belarus und in der Türkei miteinander gesprochen – freilich ohne konkrete Ergebnisse.

Ob Donald Trump sich nun mit weiteren Gesprächen, die nach russischer Vorstellung nicht vordergründig von einer Waffenruhe sondern von den "Ursachen des Konflikts" handeln, zufrieden geben wird, ist fraglich. Ein Ziel hat Selenski damit jedenfalls erreicht: Indem er Putin dazu brachte, sich unmissverständlich von einer sofortigen Waffenruhe zu distanzieren, hat er US-Präsident Trump auf seine Seite gezogen.

An ihm wird es nun liegen, ob und wie stark er den Druck auf Putin erhöhen will, um das für ihn leidige Thema Ukrainekrieg, den er im Wahlkampf noch am ersten Tag seiner Präsidentschaft beenden wollte, zu einem Ende zu bringen – oder zumindest mit einer Waffenruhe für die Zeit seiner Präsidentschaft einzufrieren.

{title && {title} } NW, {title && {title} } 14.05.2025, 19:22
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